Berlin – Wenn Apotheker sich nicht mit der Digitalisierung arrangieren, werden sie sterben wie die Videotheken. Mit dieser Prognose wollte Kai Diekmann, Ex-Bild-Chef, zum Auftakt von VISION.A Mut machen. Das Digitale nicht aussperren, sondern im Apothekenalltag mitdenken und gestalten, das ist ein gangbarer Weg. Die Empfehlung von Diekmann vor rund 400 Gästen der Digitalkonferenz von APOTHEKE ADHOC und Apotheken Umschau in Berlin kann er natürlich mit den Erfolgen der Digitalgiganten Google, Apple, Facebook, Amazon oder Uber unterstreichen.

Er sieht die Gefahr im stationären Handel der Zukunft vor allem in der Fehleinschätzung der Geschwindigkeit, mit der sich die Änderungen vollziehen. Da geht es dann auch nicht mehr darum, dass „irgendwas im Geschäftsbereich” weniger wird, sondern das bedeutet dann einen „Strömungsabriss“. Als Beispiel nennt er Zeitungskioske, an denen man heute weder Millenials noch Digital Natives antrifft. Diese Kundengruppen sind im Geschäftsmodell Kiosk nicht mehr enthalten.

Neben den drastisch veränderten Kundengruppen kommen auch überall Stakeholder dazu, die natürlich auch im Gesundheitsbereich sehen, wo sie Kosten sparen können, indem sie Daten auswerten und Kundenbedürfnisse digitalisieren können. Das werden in Zukunft nicht nur die Krankenkassen sein.

Diekmann rät den Apothekern auch zu mehr Mut im Blick auf ihre Kunden. Die haben zunehmend ihre Digital- und Social-Media-Weihen in der Tasche und wollen bedient werden, siehe Amazon oder Uber. Deshalb seien Apotheker klug beraten, sich in ihrem Umfeld genau umzuschauen, was ihre aktuelle Kundschaft und auch eine mögliche neue Kundschaft wollen. Und wenn es das prompte Beliefern mit Medikamenten ist, dann sollten Apotheker das ermöglichen. Am besten geht das nach Diekmanns Überzeugung durch eine Kooperation mit schon bestehenden digitalen Partnern.

Schaden könne es auch nicht, sich das holistische Kundenbild von Amazon abzukupfern. Denn mit den Datensätzen, die Amazon von seinen Kunden hat, kann es Konsumentenwünsche in die Zukunft hinein planen, von denen der Kunde im besten Fall noch gar nicht weiß, dass er sie bald äußern wird. Diese Vorhersagbarkeit von Kundenwünschen hält Diekmann im Bereich von OTC-Medikamenten für möglich und machbar.

Auf den etwas garstigen Einwurf, wozu wir in zehn Jahren eigentlich noch Apotheken brauchen, kam dann schon fast reflexartig der Hinweis aus dem Plenum, dass die Apotheker und PTA ja eine sehr hohe Beraterkompetenz hätten und diese den Kunden auch als Mehrwert verkaufen würden. Der Idee, den beratenden Apotheker als Bremsklotz der Digitalisierung zu sehen, erteilte Diekmann umgehend eine Abfuhr. Auch die Banken seien ein beraterintensives Gebiet gewesen, wo es um das Geld der Kunden ging, also ein genauso sensibles Thema wie deren Gesundheit. Hier habe die Digitalisierung gezeigt, dass heute alle möglichen beratenden Dienstleistungen für Kunden komplett im Netz geboten werden, ohne stationäre Berater.

Statt die Beraterfahne hochzuhalten, sollten die Apotheker die Digitalisierung für ihre Geschäftsbereiche förmlich suchen. Bestes Beispiel sei seine eigene Branche: Innerhalb von zehn Jahren sackte die gedruckte Auflage von 28 Millionen auf jetzt rund 15 Millionen Exemplare. Aber in der digitalen Welt kommen die Macher von Bild mittlerweile auf 32 Millionen Kundenkontakte, ein Wert, den sie analog selbst in besten Zeiten niemals erreicht haben. Und im übrigen seien im Gesundheitsbereich mittlerweile auch die digitalen Player als Berater tätig.

Fazit des Silicon-Valley-erprobten Unternehmers: Mut haben, machen, scheitern, aufstehen, weitermachen, zusammen arbeiten, Erfolg haben!